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Eine Leerstelle voller Witz und Poesie

Die Freiburger Romanistin Elsa Lüder präsentiert die „jungen, hungrigen Wölfe“ der rumänischen Literatur – eine vergnügliche Lektüre

Einladung nach RumänienFür viele Menschen in Deutschland ist Rumänien auf der kulturellen Landkarte Europas eine Leerstelle. „Die Meisten sehen nur die sozialen Probleme, die ein wahnsinniger kommunistischer Diktator hinterlassen hat, und sie sehen das Versagen der alten Garde in der heutigen rumänischen Politik“, meint die Freiburger Romanistin Elsa Lüder. „Aber es ist noch immer weitgehend unbekannt, was rumänische Künstler trotz dieser schwierigen Umstände an Schönem geschaffen haben.“

Elsa Lüder will dem Mangel abhelfen und stellt in einem neuen Sammelband ausgewählte Erzählungen der neuen Generation rumänischer Schriftsteller vor, die sich mit den Folgen der Wende von 1989 auseinandersetzen. Dabei verzichtet die Herausgeberin bewusst auf Texte arrivierter Autoren wie Mircea Cărtărescu oder Ana Blandiana, sie hatten als Außenseiter auch im Ausland Erfolg. Vielmehr begegnen dem Leser, wie Elsa Lüder sagt, „die jungen hungrigen Wölfe, die nicht nur eine fundamentale gesellschaftliche Umkehr verlangen, sondern auch den Anspruch erheben, persönlich gehört zu werden.“

Mit präzisen Schilderungen aus dem Alltagsleben geben sie eine Vorstellung von den Verwerfungen und Freuden des fortdauernden Übergangs. Eine der Diagnosen lautet: Toleranz und demokratisches Bewusstsein sind wohl nicht in einer Generation zu erwerben, schon gar nicht Solidarität. Nicht nur in Rumänien. „In der forteilenden Geschichte widersetzen die heutigen Autorinnen und Autoren sich der kulturellen Verelendung ebenso wie der Überwältigung durch die Phänomene der Globalisierung. Und sie tun es mit viel Witz und Phantasie.“

In der Tat ist dies alles höchst vergnüglich zu lesen. Daniela Gherginas Erzählung über einen kleinen Jungen, der im Küchen-Idyll des großstädtischen Plattenbaus mit der vom Dorf zugewanderten Mutter und der Großmutter täglich die Todesanzeigen der Zeitung studiert, legt dar, wie der banale Überlebenskampf durch die Poesie eine tröstliche Überhöhung erlangen kann – und sei es die Poesie erfundener Nachrufe. In ähnlicher Weise kommt in Paul Mirons Erzählung „Die Bahnschranke“ zum Ausdruck, dass jenseits aller Hindernisse die schlichte Anteilnahme am Schicksal des Nebenmenschen den wahren Wert des Lebens ausmacht, gerade in einem romanischen Land. „Ach je, Brüderchen“, seufzt ein Straßenarbeiter, „wie mir das leid tut, wenn die Schranke sich wieder hebt, jetzt wo wir uns so angefreundet haben.“ Andere machen einen Aufenthalt im Gefängnis, einen Streifzug durch das Bukarester Nachtleben oder die brutale Schlichtheit der gängigen Telenovelas zum Ausgangspunkt ihrer Reflexionen.

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